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Dennoch - liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger - hat der
Volkstrauertag seine Berechtigung, ist notwendig und auch sinnvoll.
Der Tag selbst hat eine lange und bewegte Vergangenheit. Seit 1952
begehen wir in Deutschland den Volkstrauertag als Gedenktag für die
Opfer beider Weltkriege, aber auch für die Opfer von Willkür,
Gewalt, Unmenschlichkeit und rücksichtslosem Machtstreben.
Die Erinnerung an eine leidvolle Vergangenheit ist nicht nur
Mahnung, sondern sollte auch Herausforderung für jeden Einzelnen von
uns sein.
"Das ist lange her, was hab‘ ich damit zu tun?”, wird sich
heute gerade mancher junge Mensch fragen.
In der Tat:
Die Zahl derer, die den Krieg noch aus eigenem Erleben kennen, wird
immer kleiner. Das ist ein Glück, aber auch eine Gefahr. Denn je
größer die zeitliche Distanz, desto größer ist auch die Gefahr der
Verharmlosung oder gar des Vergessens.
Gedenktage können daran wenig ändern, schon gar nicht, wenn sie
nicht das Herz der Menschen erreichen. Die jüngste Diskussion um
Erhalt oder Streichung deutscher Feiertage, speziell des Tages der
Deutschen Einheit, aber zeigte, dass Menschen Feiertage brauchen.
Deshalb müssen wir aber unbedingt ihren Sinngehalt
pflegen und am Leben erhalten und sie nicht allein als willkommenen
zusätzlichen Urlaubstag auf der heimischen Couch vertun.
Dazu machen wir uns bewusst:
Das Anliegen des Volkstrauertages ist nicht allein
vergangenheits-orientiert, sondern auch tagesaktuell.
Fast täglich erleben wir neu, welch ein empfindliches,
zerbrechliches Gut der Friede ist. Machtgier und Hass, religiöser
Fanatismus, Druck und Gegendruck - oft genügt nur ein Funke, um ein
neues Feuer der Gewalt zu entfachen. Ganz gleich ob im Irak, in
Palästina oder Israel. Das bereitet Sorge. Die Art der Kriegführung,
die Behandlung von Gefangenen oder auch praktizierte Verhörmethoden
erinnern an längst überwunden geglaubte Barbarei. Mühsam erkämpfte
Konventionen und Regeln scheinen zu bröckeln. Gerade da, wo
internationaler Terrorismus wahllos Menschen tötet, verletzt und
verschreckt, vermissen wir längst jedes ethisch-moralische Tabu. Die
Medien führen es uns täglich neu vor und geben uns das beklemmende
Gefühl der Machtlosigkeit.
Der Friede ist aber nicht nur in der Tagesschau, in den
TV-Reportagen aus den Krisengebieten und Unglücksherden der Welt in
Gefahr.
Der Friede ist auch im Kleinen keine Selbstverständlichkeit, sondern
er braucht Menschen, die ihn stiften – in der Ehe, in den Familien,
in Vereinen und Gruppen.
Dort liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, sind wir nicht
machtlos.
Die Impulse zu einem friedlichen Miteinander müssen vom Herzen
und vom Kopf ausgehen: Innehalten, Gedenken, das eigene
Verhalten hinterfragen ist dazu unerlässlich. Der Volkstrauertag
bietet diese Chance.
Wir wollen uns nichts vormachen: Wir alle sind keine
Weltverbesserer. Wir können die Wunden dieser Welt nicht heilen,
aber wir sind für diese Welt mitverantwortlich. Jeder von uns ein
Stückchen.
Und dieser Mitverantwortung muss jeder für sich gerecht
werden. Das bedeutet auch, die eigenen Interessen, das
eigene Vergnügen und den eigenen Spaß, dem viele Menschen heute
offenbar als das Maß aller Dinge im Leben nachjagen, einfach mal
zurückzustellen. Partys, Fun, Comedy-Trallala und Eventmarathons
sind eben nicht alles. Wer das erkennt, hat plötzlich mehr
Raum und Zeit für wirklich maßgebliche Dinge, für neue Schwerpunkte
und für Werte, auf denen unser Zusammenleben in einer christlichen
Gesellschaft aufbaut:
Mehr Achtung, mehr Verständnis, mehr
Hilfsbereitschaft, mehr Verantwortung für den Mitmenschen
- das sind Bausteine einer besseren Welt, die jeder von uns mit
zusammentragen kann.
Nur wer insofern Frieden mit seiner eigenen kleinen Welt schließt,
darf vom Frieden in der großen Welt träumen.
Ich denke, diese
Maxime sollte nicht allein für den Volkstrauertag gelten, sondern
für jeden Tag. Dann war auch das Schicksal der zahllosen Opfer, von
Krieg, Gewaltherrschaft, Vertreibung und politischer Willkür nicht
vergeblich.
Nun wollen wir uns erinnern
-
an die, die
auf den Schlachtfeldern ihr Leben ließen,
-
an die, die
in Gefangenschaft gerieten und nicht mehr heimkehrten.
-
Wir gedenken
der Menschen, die Opfer der Diktatur wurden, wegen ihrer
politischen oder religiösen Überzeugung oder nur, weil sie einer
anderen Rasse angehörten.
-
Wir gedenken
der Toten, die bei Flucht und Vertreibung ihr Leben ließen,
-
Wir gedenken
der Opfer des Bombenkrieges in Deutschland und in aller Welt,
-
unser
Erinnern richtet sich aber auch auf die, die Widerstand
leisteten und ihre Courage mit dem Leben bezahlten.
Verneigen wir uns in Ehrfurcht und Dankbarkeit vor den Toten, die
für uns ihr Leben ließen.


Bilder: JZ |